ROLF KISSEL "Raum+Zeit" 12.11. - 31.12.2010

kissel„Der Raum ist der Ort der Zeit der Beziehung der Dinge des veränderbaren Gleichgewichts"
Rolf Kissel 2001

Die Ausstellung in der Galerie DAS BILDERHAUS gibt einen Einblick in wichtige Schaffensperioden des vom Konstruktivismus geprägten Künstlers. Licht-Reliefs , monochrom weiß aus den 60er Jahren, zu denen ab Mitte der 70er Jahre auch solche aus Aluminium hinzutreten. Daneben Bleistiftzeich-nungen auf Papier. Aus der Phase aktiven gesellschaftspolitischen Engagements stammen drei Zeichnungsobjekte von 1992. Zu den jüngeren Arbeiten zählt die Serie der Aqua-Farbcollagen. Sie bilden zusammen mit zwei kleinen Plastiken den farbigen, in sich stimmigen Kontrapunkt dieser Ausstellung.

 

Rolf Kissel wurde 1929 in Frankfurt geboren. Von 1956-1961 studierte er an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main. Er war Meisterschüler bei Prof. Albert Burkart. 1966 gewann der den Preis „Junge Kunst in Hessen“. In dieser Zeit gehörte Rolf Kissel zu der kleinen Gruppe von Avantgarde-Künstlern in Frankfurt am Main, die den Konstruktivismus als geistiges Ordnungsprinzip in der Kunst neu zu realisieren suchten. Man wollte, wie es Kasimir Melewitsch formulierte, die Kunst vom Ballast der gegenständlichen Welt befreien.

Im Rahmen dieser Konzeption beherrscht seither das „Experiment mit immer neuen Räumen“ sein Werk. Es entstehen die bekannten weißen Licht-Reliefs, Acryl auf Holz, die durch die plastische Strukturierung der Bildfläche - im Zusammenspiel zwischen dem jeweiligen Lichteinfall und der Bewegung des Betrachters - wechselnde immaterielle Räume schaffen. Später verwendet Rolf Kissel auch den Werkstoff Aluminium für seine Lichtreliefs.

Das Jahr 1964 bezeichnet eine wichtige Wendung im Werk Kissels. Die Lichtreliefs hatten sich konzeptionell als integrative Elemente der Architektur erwiesen. Sie waren nicht mehr nur Bild auf einer Wand, sondern Teile der Architektur selber. Sie traten als großformatige Wand- oder Hänge-reliefs in den öffentlichen Raum der Architektur ein: Licht-Relief, Relation 3, 1964, Waldschule Leverkusen; Licht-Relief, 1974, Kongresszentrum, Mannheim Rosengarten; Hänge-Relief, Blechharfe, 1981, Alte Oper Frankfurt am Main; Raumrelief, 1988, Bundesarbeitsgericht Kassel.

Unter dem Eindruck der Erosion humaner Lebensverhältnisse öffnet sich Rolf Kissel seit den 80er Jahren stärker der Erschließung sozialer Räume. Kunst entsteht im Raum sozialer Bewegungen, in der Friedensbewegung und in der Auseinandersetzung um den Frankfurter Börneplatz. Es ist der Versuch, im Sinne einer „Ästhetik des Widerstands“ (Peter Weiß), historische Realität in die konkrete künstlerische Arbeit einzubringen. Im Fall des Börneplatz Frankfurt gelingt dies. Rolf Kissels Zeichnungscollage „Frankfurt die Stadt“, Plakat und Logo der Börneplatzinitiative konkretisieren sich als Teil einer „sozialen Figuration“.

Arbeit und Lernen im Kontext um den Börneplatz führen Kissel im Atelier zu intensiver Arbeit in Erinnerungsgeschichte auf der Grundlage seiner konstruktiven Konzeption, jedoch mit den Mitteln der Montage. Die Technik der Montage ermöglicht durch Überlagerung, die strikte Trennung von Dokument, Kommentar und Werk aufzulösen. Sie erzeugt die Chance zu kritisch-utopischer Einrede, zu Kommunikation überhaupt. In dieser Zeit entstehen auch farbige Collagen und Plastiken, Raum-systeme und Zeichnungsobjekte.

Mit dem Zyklus „Briefe aus Weimar“, 1994/95, versucht Rolf Kissel eine bildnerische Annäherung an den „Zivilisationsbruch“ der NS-Verbrechen am Beispiel des „Doppelortes“ Weimar-Buchenwald. Im Bewusstsein des Widerspruchs von Bilderversagen und der Unmöglichkeit des Bilderverzichts protokolliert er den Verlust von Erinnerungsräumen und die Grenzen von Erinnerungspolitik.

Die Aqua-Farbcollagen „Lettera Biglietti“, 2003, sind Produkte der Erkundung urbaner Räume: Rom, Assisi, Urbino, Venedig. Deren ästhetische Rekonstruktion im Bildraum und im kulturellen Gedächtnisraum ist Kissels Ziel. Dabei fungieren konstruktive Raster in der Dynamik der Diagonalen als Grundriss, weiße Leerzonen schaffen Freiraum, distanzieren und intensivieren Farbräume, teils gefüllt mit Sprache und Fundstücken. Diese können Relikte von Zeichen und Schrift auf Mauern oder auch aktuelle Nachrichtendokumente sein. Ihnen gemeinsam ist, dass sie die Poesie der zufäl-ligen Begegnung, die Musikalität der Städte, ihre Stimmen, ihre Geschichte und ihr Gedächtnis signalisieren.

Voller Poesie sind auch die Aqua-Farbcollagen aus dem Jahr 2005. Das besondere und reizvolle an ihnen ist, dass einige der ansonsten regelmäßig geordneten Farbflächen aus ihren geometrischen Formen auszubrechen versuchen. Am konstruktiven Ordnungsprinzip hält Rolf Kissel auch hierbei fest.

In jüngerer Zeit beschäftigt sich Kissel stärker mit der Schaffung von kleineren Raumkonstruktionen. Mit sicherem Sinn für Ponderation montiert er zugeschnittene farbige Holzteile so, dass immer ein ästhetisches Ganzes entsteht. Nicht nur von fern wird die Erinnerung an die Kunst des Bauhauses lebendig.

Das Werk Rolf Kissels wurde in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, siehe Liste. Seine Arbeiten befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen bzw. Einrichtungen. Rolf Kissel ist Mitglied der Neuen Darmstädter Sezession und des Deutschen Künstlerbundes, Berlin. Seit 1961 lebt Rolf Kissel als freischaffender Künstler im Raum Frankfurt.