Luxemburger Wort - Hommmage und Erinnerung mit dem Zeichenstift - Hetty Krist

Hommage und Erinnerung mit dem Zeichenstift

von Mireille Petitgenet

aus: Luxemburger Wort vom 3. Juli 2009

Übersetzung Erika Hahn

 

Zeichnen, das ist eine Art, Leben zu spüren. Hetty Krist fühlt sich einer gemeinsamen Vergangenheit und Erinnerung verpflichtet und beschreibt kraftvoll die großen Musiker und Schriftsteller, die die vorigen Jahrhunderte geprägt haben, ebenso wie jüdische Familien der 40er Jahre auf ihrem Weg in eine neue Welt: Amerika.

In den Niederlanden geboren, absolviert sie ihr Studium an der Kunstakademie in Basel, bevor sie eine der wenigen renommierten Zeichen-künstlerinnen unserer Zeit wird. Ihre Arbeiten bedienen sich ausdrücklich eines klassischen Stils, wie ihn Goya, Michelangelo, Rembrandt oder auch Käthe Kollwitz pflegten. Mit Hilfe der Zeichnung fängt sie die Atmosphäre eines Augenblicks, einer Situation oder gar einer Epoche ein und macht sie spür- und sichtbar.

Hetty Krist überrascht den Beschauer vom ersten Augenblick an mit Werken, die eine große Spontanität widerspiegeln. Mit schnellem, kraftvollem Strich stellt sie sowohl Beethoven, Erik Satie, Friedrich Schiller, die „Divina Commedia" als auch Béla Bartok und Kurt Weill dar. Stücke von Texten und Partituren finden sich in fast allen Werken und verschmelzen mit der Zeichnung. Sie sind Teil des Werkes und seiner Gefühlswelt, fügen sich in das Spiel von Formen und Tiefe ein. Die Künstlerin will nicht so sehr die Dinge nach der Natur darstellen. Selbst, wenn die Beobachtung für alle ihre Schöpfungen ein wichtiger Ausgangspunkt ist, so zerfallen die verschiedenen Elemente, die zu dem Werk gehören, soweit, dass sie in der Komposition und den mehr oder weniger er-kennbaren Formen aufgehen.

Bei Hetty Krists Arbeiten muss man wohl eher von „gezeichneten Gedanken" sprechen, denn sie gibt nicht das Sichtbare wider, sondern macht Emotionen sichtbar, die mit einem Gefühl oder einem Ereignis verbunden sind. In gewissem Sinn ist das Werk Hetty Krists Ausdruck ihrer Persönlichkeit und nähert sich mehr einer eigenen Welt an.

Hommage an eine Vergangenheit

Körper und Gesichter überlagern sich, ver-schwinden und tauchen aus dem Bild wieder auf, als ob sie uns stärker in ihre Welt hinein ziehen wollten, eine Welt, die fasziniert durch das dramatische Ausmaß, von dem sie sich auch manchmal be-freien kann. Selbst, wenn der Mensch mit einem Baum verschmilzt oder gar mit apokalyptischen Kreaturen, wird er immer mit großer lebendiger Kraft und Ausdrucksstärke dargestellt.

Hetty Krist unterstreicht die physiognomische Vielfalt ihrer Figuren. Die Zeichnerin verwandelt sich in eine Erzählerin und versieht ihre Gestal-ten mit Gesten oder Haltungen, die ihre Emo-tionen am besten ausdrücken. So zögert sie nicht, drei Ansichten von Beethovens Gesicht darzubieten, um seine Qual auszudrücken.

In ihren jüngsten Arbeiten beschäftigt sie sich mit jüdischen Familien, die in eine neue Welt auswandern: Amerika. Die Künstlerin wurde im 2. Weltkrieg geboren, und so ist es nicht ver-wunderlich, dass sie besonders empfänglich für die Vergangenheit ist und ihr auf ihre Weise Ehre erweisen möchte. Mit der Zeichnung erzählt sie diese traurige Episode der Geschichte und versucht so, unser Bewusstsein wach zu halten.

Hetty Krist versteht es, das Mitgefühl und die Menschlichkeit im Ausdruck ihrer Personen zu zeigen, und sie versucht durch großzügige und geschmeidige Strichführung anzurühren.