BRIGITTE BLIEDTNER "Das Wohnzimmer des Nordens" - 5.2. - 26.2.2010

Brigitte BliednerDie kleine Kneipe um die Ecke, eine der ältesten Institutionen unserer Alltagswelt, bietet als sozialer Treffpunkt den unterschiedlichsten Milieus eine Heimat. Sokrates hätte einst ohne Rotweinkrug und lockerer Kneipenatmosphäre wohl kaum die begeisterten Zuhörer für seine philosophischen Gedankenwelten gefunden. Und seine daheim gebliebene Xanthippe hätte nichts zum Meckern gehabt... 

Die Fotografin Brigitte Bliedtner entdeckte durch Zufall vor drei Jahren im Frankfurter Nordend die kleine Kneipe Gusto, in der sich die gerade anwesenden Gäste meistens in einer mittelgrossen, in sich geschlossenen Gruppe, zusammen setzten. Kam ein neuer Gast hinzu, wurde einfach ein neuer Stuhl dazu gestellt. Mann und Frau rückten zusammen, öffneten sich mit freundlichen Worten, machten höflich Platz und zeigten einem Neuankömmling, dass er jederzeit willkommen ist.

Bliedtner (62), ihre Neugierde schon von Natur aus bewahrend, suchte dieses scheinbar idyllische „Wohnzimmer" in der Jahnstrasse 6 immer öfter auf. Lernte so eine Ansammlung konservativ-gehobener, kleinbürgerlicher, liberal-intellektueller und hedonistischer Teilmilieus im Laufe der Zeit kennen und schätzen. Sie interessierte sich instinktiv dafür; natürlich auch aus einem künstlerischen Ansatz heraus...

So kommunizierte sie in der Folge mit Anwälten und Künstlern, Managern und Rentnern, Angestellten und Bankern, Kameraleuten und Regisseuren, Handwerkern und Ärzten, Hartz IV-Empfängern und Sekretärinnen. Mit Gewerkschaftsorientierten und Neoliberalen, mit Habenichtsen und Alleskönnern, mit Linken, Rechten und Gleichgültigen. Und mit dem Wirt, der - philosophisch erheblich vorbelastet - noch selber gut und gerne kocht.

Es ist eine Kneipe, ein Bistro, ein Kommunikations- und zugleich ein Intrigantenstadel, gefüllt mit Lebensfreude und Eifersüchteleien, Huldigungen und Kränkungen, tosendem Gelächter und Empfindlichkeiten, Anmache und intellektuellen Statements, Lobhudeleien und ernsthaften Gesprächen, Klatsch und Tratsch...

Doch wie sollte die Fotografin Bliedtner (62) diese gewonnenen Eindrücke alle einfangen? - Sämtlichen Gästen gleichzeitig nahe treten und ihnen damit auf den berühmten Pelz rücken? Auf engstem Raum und unter ständiger Beobachtung? - Innerhalb der Gruppe würden die Gesichter, ihre Mimik und Gestik, möglicherweise verkrampft und unnatürlich aussehen. Wie auf vielen Urlaubsfotos, die sich die Leute zu Hause gerne in den Flur hängen oder ins Wohnzimmer stellen.

Bliedtner, seit mehr als 15 Jahren intensiv mit der Fotografie und eigenen Ausstellungen vertraut, hat Ende der neunziger Jahre, als ihr Mann eine Gastprofessur in Illinois angenommen hatte, zwei Semester an der School of Art and Design, University Illinois, studiert und sich später in Workshops bei Scheel, Banka und Frajndlich professionell weiter entwickelt. Und so wusste sie auch, wie sie dieses fotografische Meisterstück, diese tollen Leute aus der kleinen Kneipe fotografisch einzufangen, am sinnvollsten umsetzen konnte.

„Es ist besser, wenn jeder einzelne, losgelöst aus dem Kneipen-Milieu, im Dialog mit mir, etwas über sich erzählen kann", sagt Bliedtner und holte sich deshalb die Protagonisten aus der kleinen Kneipe in ihr Studio. Vor eine schwarze Wand. Stehend oder sitzend. - Somit bricht sie die täglich wechselnden, gruppendynamischen Aspekte der kleinen Kneipe auf, sorgt im Einzelgespräch geschickt für ein Vertrauensverhältnis und fotografiert die Kneipenbesucher dann, wenn sie meinen, zu ihrer individuellen Natürlichkeit und Persönlichkeit gefunden zu haben .

Dies in 67 „Sitzungen" in den zurückliegenden zwölf Monaten. Alles in schwarzweiss. Fotokunst, die aus eineinhalb Metern Distanz und gleichzeitiger, naher Menschenliebe entsteht. Eine Porträtkunst, raus aus der Kneipe, rein ins Studio, die keiner Fotoschule entsprungen ist und auch keinem Trend folgt ...

Jetzt werden die 67 Einzelporträts wieder, wie die realen Menschen im Gusto täglich zu sehen, fotografisch zur „alten Kneipen-Einheit" zusammen gefügt.