Home Presse Feuilleton Frankfurt - Uta Mallin im Frankfurter Bilderhaus

Feuilleton Frankfurt - Uta Mallin im Frankfurter Bilderhaus

10. Januar 2012

Im Frankfurter Nordend gibt es eine kleine wie feine Galerie, sie nennt sich Das Bilderhaus. Nun klingt der Name zwar ein bisschen niedlich, ist nicht aber unbedingt Programm. Denn zu sehen gibt es dort nicht bunte Bilderchen, sondern ebenfalls Kleines wie Feines, sich in seiner Werthaltigkeit mitunter erst auf den zweiten, stilleren, genaueren Blick Erschliessendes: abseits aller das rechte Gefühl vermitteln wollender, kitschig-amateurhafter Kunsthandels-Kunst, abseits auch aller lärmend-schriller Kunstbetriebs-Kunst der Messen und mancher Galerien mit den riesigen Schaufenstern.

Heuer finden wir dort Zeichnungen und Gemälde von Uta Mallin. Wir entdeckten die Künstlerin vor längerem in der Rödelheimer "Fabrik", aus der sie ausgezogen ist, und trafen sie später im Rahmen einer Einzelausstellung "Alles fliesst" im benachbarten Bad Vilbel. Wir gewannen dort einen Einblick der anderen Art in das "Wesen" des Wassers.

"Ich sehe Strukturen, Linien, Farben und fühle mich eingebunden in unentzifferbare Schrift und Sprache. Es gibt kein Bedürfnis, da etwas zu entziffern, was ein unerreichbares Unterfangen wäre, sondern die Sehnsucht nach einem Mitreden."

Uta Mallin hat diesen Satz geschrieben, und er steht für ihre Kunst. Er steht für ihr Hinaus- oder besser gesagt Hineingehen in das, was wir normalerweise, recht oberflächlich, Natur nennen; in die "Gänze, die draussen anklingt und ihr Wesen treibt", wie die Künstlerin es formuliert.

Wir kennen ihre wundervollen Bilder vom Wasser. Einige sind jetzt auch im Bilderhaus zu sehen. Dazu eine Reihe feiner Zeichnungen: mit Graphit, Tusche oder Filzstift. Dann Malerei in Öl und Acryl auf Leinwand, mit Titeln wie Wald, Dickicht, Grün, Herbst oder Tauwetter.

Uta Mallin
Bucht, 2008, Federzeichnung, Tusche, 30 x 23 cm

Weite Räume öffnen uns die Zeichnungen der Künstlerin: mit wenigen differenzierten Strichen, mit behutsamer Lavur nimmt sie uns mit auf imaginäre Wege, wir folgen dem geschwungenen Ufersaum eines Sees, vielleicht eines stillen Meeres, schreiten wiegenden Schrittes, eine leise Melodie im Kopf, einen Weg entlang durch eine winterliche Landschaft, karges Gesträuch wechselt mit höherem Gehölz und Bäumen, im Hintergrund erheben sich leichte Hügel. Dichtes Buschwerk birgt Raum und Schutz für Geheimnisse, die ihm zu entnehmen wir nicht befugt sind. Es ist eine Stille, eine Ruhe in diesen Bildern. Und doch lassen sie uns wissen, dass diese Ruhe eine Kraft umschliesst, die sich im Wechsel der Jahreszeit zu lebendiger Bewegung, zu üppigem Wuchs entfalten wird.

Uta Mallin
Weg, 2010, Federzeichnung, Tusche, 30 x 23 cm

Uta Mallin
Gebüsch, 2011, Filzstift, laviert, 30 x 23 cm

Uta Mallin bildet nicht ab, sie setzt uns nichts vor, denn ein "Abmalen" der "Natur" wäre Täuschung. Bilder, so vergewissern wir uns, sind parallele Wirklichkeiten zur Wirklichkeit der Welt, niemals die Abbildung der Welt. Die Malerin und Zeichnerin öffnet uns mit ihrer Kunst Möglichkeiten und Visionen, Erinnerungen an Gefühltes und Erlebtes, eine Sehnsucht nach fernem Unbekanntem und Aufbruch, wenn wir dem Lauf der Bucht und den Biegungen des Weges folgen, uns dem Geheimnis bergenden Gebüsch nur nähern, niemals in es eindringen.

Dann aber die sich entfaltende elementare, leidenschaftliche Wucht des Grüns: Das, was wir Natur und was die Künstlerin "die Gänze" nennt, drängt hervor zum Licht, zum Leben. Es klingt in uns wie der mächtige C-Dur-Schlusssatz der Fünften der Beethovenschen Sinfonien. Es wächst und wuchert und bricht sich allerorten Bahn. Doch zugleich erfüllt verhaltener Sonnenschein Lichtungen im Wald, schenkt Freiraum und Heiterkeit, treiben wechselndes Licht und wandernde Schatten ein fröhliches Spiel.

Uta Mallin
Dickicht, 2009, Öl auf Leinwand, 90 x 65 cm

Uta Mallin
Wald, 2007, Acryl auf Leinwand, 110 x 100 cm

Gewächs und Wurzelwerk durchdringen sich und verschmelzen, es ist die "Gänze", die "ihr Wesen treibt" – wir erinnern an Uta Mallins eingangs zitierte Worte. Der Blick des Betrachters geht gleichsam wie durch einen Tunnel in das Geheimnis des Werdens und Lebens: Mannigfache Assoziationen können sich einstellen – warum nicht auch an Weiblichkeit und Geburtsweg? Diese neuere Arbeit aus dem vergangenen Jahr scheint uns – wie auch immer – ein "Schlüsselwerk" der Ausstellung zu sein.

Uta Mallin
In den Wald hinein, 2011, Tusche und Acryl auf Leinwand, 140 x 110 cm

Abschliessend ein Blick auf ein Detail, zugleich auf die Kunstfertigkeit der Zeichnerin Uta Mallin: Feinste Verästelungen vegetativer Komplexe – sind es wuchernde und schlingende Pflanzen, sind es arterielle und venöse Gebilde, sind es kleinste Strukturen von Alveolen, in denen der lebenspendende Gasaustausch mit dem Blut stattfindet?

Uta Mallin

o. T. (Detail), 2011, Tusche, Feder, laviert, 26 x 26 cm

Uta Mallin präsentierte ihre Arbeiten vielfach in Gruppen- und Einzelausstellungen in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet, unter anderem in der Frankfurter Volksbank Bad Vilbel, der ehemaligen Galerie Wildwechsel, im ATELIERFRANKFURT und zuletzt in der Ateliergemeinschaft Borsig 37.

Uta Mallin: Moment Natur, Galerie Das Bilderhaus, bis 27. Januar 2012

Quelle: Fueilleton Frankfurt, www.feuilleton-frankfurt.de

Fotos: Sabine Lippert