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Feuilleton Frankfurt - All die Jahre - Renate Sautermeister

Renate Sautermeister: All die Jahre. Malerei – Zeichnungen – Radierungen

Text: © Brigitta Amalia Gonser, Kunstwissenschaftlerin

Renate Sautermeister, die renommierte Künstlerin, ist 1937 in Hamburg geboren und in Freiburg im Breisgau aufgewachsen. Seit 1972 lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie in der heissen Phase der Bauspekulationen und der Hausbesetzungen, in einer Zeit des generellen Zweifels an gesellschaftlichen Normen, einer Zeit des Abrisses und des Aufbruchs, ab Mitte der 1970er Jahre politische Position für die immer bedeutsamer werdende Frauenbewegung ergreift.

Im Künstlerischen und Stilistischen machen die von ihr bis Mitte der 1980er Jahre verfolgten surrealistischen Gestaltungsprinzipien unmittelbar Erlebtes in ihrer Malerei offenbar – so entstehen ihre Tatorte apokalyptischen Endzeitgeschehens, ihre melancholischen Vanitasbilder.

Weltanschaulich und ästhetisch besteht eine Affinität der Künstlerin zu der Malerei von Pablo Picasso, Francis Bacon und Emil Schumacher, sowie zu der Literatur von Samuel Beckett, Franz Kafka, Bertolt Brecht und der Philosophie des rumänischen Existenzialisten Emil Cioran.

Dennoch ist es nicht diese figurative Phase, die Karin Beuslein für die Ausstellung "All die Jahre" in der Frankfurter Galerie Das Bilderhaus ausgewählt hat, sondern es ist ein kleiner, feiner Überblick über die Zeugnisse des kontinuierlich über die Jahre gewachsenen, abstrakten Schaffens Renate Sautermeisters.

Das Œuvre der Künstlerin umfasst Malerei, Zeichnungen, Radierungen, Objekte, Fotografie, Bühnenbilder. Sie arbeitet gattungsübergreifend, auch wenn ihr Ausgangsstudium Freie Graphik war – und das sowohl an der Kunstschule in Bonndorf, wo sie "das Zeichnen von Grund auf gelernt hat", als auch an der Werkkunstschule in Wiesbaden, wovon nicht nur ihre frühen informellen Zeichnungen, sondern die späteren Zeichnungen und Radierungen zeugen. Mehr noch: Ihr Duktus bewahrt auch in der Malerei graphische Strukturen.

Denn die Zeichnung ist für Renate Sautermeister eine sehr persönliche, intime und geistige Angelegenheit. "Il disegno è una cosa mentale", verkündeten schon die Meister der italienischen Renaissance. Und Renate Sautermeister spricht dabei von "Skriptur".

Mitte der 1980er Jahre weist Renate Sautermeisters künstlerisches Schaffen, bei aller Eigenständigkeit, eine stilistische Zäsur auf. Es ist der Übergang von surrealer, narrativer, figurativer Darstellung zu expressivem Mal-Gestus mit gedanklich abstrahierten Formen, gefasst von graphischen Skripturen. So entwickelte sich ihre heutige grandiose freie Figuration, die die Ausstellung der Künstlerin "Von flüchtigen Dingen" von 2007 in Wiesbaden, im Forum des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, mit Energie zum Schwingen brachte in grossen, über je vier Tafeln gehenden, der aufsteigenden Bilddiagonalen von links nach rechts folgenden, dynamischen blau-grün-schwarz-weissen Formen.

Auch meine ich, dass die Serien der "Spiele" – und zwar die Graphit-Zeichnungen von 1993 und die in der Ausstellung gezeigten Radierungen von 1995 -, in denen Sautermeister jeweils zwei Formen konfrontiert, die sich nähern, berühren oder überschneiden und dabei Graphisches und Malerisches zusammenführt , als formale ideatische Skizzen ihrer heutigen Malerei zu sehen sind, es sind sozusagen abstrakte "Formenspiele".

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Radierung IX, 1995, 50 x 40 cm

Doch die Wende zur Abstraktion und zum spontanen Gestus war nicht brüsk, sondern kündigte sich fliessend an. Es stehen dafür die mit Graphit gezeichneten, dreiteiligen Paravents "Erinnerungen eingraben" von 1983 und "Veränderungen" von 1985; ebenso die in der Galerie gezeigten, abstrahierenden Radierungen mit und ohne Aquatinta von 1968/1969 , die bei aller Linearität nicht nur durch den typischen Plattenton eine malerische Qualität erhalten und in denen pars pro toto-artig antropomorphe Teilformen wie Hände, Füsse, Brüste in Setzkästen, wie Zeichen, einander zugeordnet werden und so das Mutterglück thematisieren.

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Spiel I, Radierung, 1968, 32 x 22 cm

Zweifelsohne auch die ebenfalls gezeigten informellen Rohrfederzeichnungen, oft mit gegenständlichen Abdrücken, von 1965, in denen kurze Striche, Kreise, Kringel, Häkchen, Bögen und Schraffuren in einem dynamischen Prozess zu einem Energiefeld verdichtet werden, das Bewegung suggeriert.

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Rohrfederzeichnung, 1965, 24 x 30 cm

Polychrome Energiefelder und ein dynamischer Aufbau der Bildkompositionen charakterisieren Renate Sautermeisters malerisch- gestische Figurationen der letzten zwei Jahrzehnte.

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Ereignis III, 1997, Acryl/Kreiden auf Karton, 75 x 165 cm

Auch heute noch scheinen Stühle, Tische, Treppen und Bretter in Form von graphisch reduzierten Zeichen zwischen Farbfeldern und Linienstrukturen hervor. Diese "Basics zivilisierten Daseins" werden, wie Katinka Fischer zeigt, "ganz und gar nicht luxuriös und bequem, sondern fragmentarisch, ramponiert oder reduziert, in Sautermeisters Werk zu Sinnbildern für Unsicherheit, Aufbruch und Flucht".

Was Renate Sautermeisters künstlerische Techniken angeht, vereinen viele ihrer Bilder malerische, zeichnerische und graphische Elemente. Auf ein einziges Medium hat sie sich ohnehin nie beschränkt.

Erfreuen Sie sich also der malerischen Wucht in den jüngeren Bildern, die nicht ohne einen skripturalen Gegenpol existieren können.

Ohne Titel
Ohne Titel, 2006, Acryl/Kreiden auf Karton, 34 x 47 cm

Renate Sautermeister erhielt 1974 den Preis der Marielies-Hess-Stiftung "Junge Kunst in Hessen" und 1980 den "Reinhold-Kurth-Kunstpreis für das Œuvre" der Stadtsparkasse Frankfurt. Sie hatte einen Lehrauftrag an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und war Schulkünstlerin an der Heinrich-Kraft-Schule in Frankfurt am Main.

"Niemals ankommen" lautete das Motto ihrer Ausstellung in der Frankfurter Galerie Prestel 1991. Eine Reisende ist Sautermeister im konkreten wie im übertragenen Sinn aber immer geblieben. "Tag für Tag" und "und weiter, weiter" verzeichnet sie in ihrem seit 2000 fortlaufend gezeichneten Tagebuch "Tageintagaus" und lässt in Rapidographzeichnungen auf Büttenpapier Formen und Humor spriessen.

Die Ausstellung für Kunstfreunde und Sammler in der Frankfurter Galerie Das Bilderhaus, Hermannstrasse 41, 60318 Frankfurt am Main, ist bis zum 24. April 2010 geöffnet.