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Feuilleton Frankfurt - Glamour - Costa Bernstein

Costa Bernstein: Glamour

Malerei-Collagen, Graphiken, Objekte

Von Brigitta Amalia Gonser
Kunstwissenschaftlerin

Glamour – mehr Schein als Sein? Wieso verfallen wir immer wieder seiner Faszination? Haftete deshalb dem Wort im Mittelalter der Geschmack von böser Magie und Zauberkunst an?

In der Gegenwart findet man den Ausdruck dann etwa im Musikstil Glamrock, er wird aber auch allgemein für das Verhalten von Stars in Musik und Film verwendet. Wer glamourös ist, verwendet viel Zeit auf sein Aussehen und seine Gesten, seine Selbst-Inszenierung, bewusst oder unterbewusst. Das eigene Leben soll zum Kunstwerk werden.

Das Diktat von „Glamour magazine": fashion, beauty, hair, makeup, diet, health, sex ...

Mit dem Untertitel: For young women interested in fashion, beauty and a contemporary lifestyle.

Auch die Männerwelt ist ebenso betroffen, wenn es um glamouröse Körper geht.

Prunkvolle, elegante Selbstdarstellungen in der Öffentlichkeit und grandiose Events, deren Tendenz es ist, sich durch kolossale Shows, Wow-Effekte und Ausschluss-Mechanismen von Alltag und Durchschnitt abzuheben. Dabei verschränkt sich Emanzipation und Unterwerfung.

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Glamour 1, Mischtechnik auf Leinwand, 2010, 100 x 80 cm; Nachweis: Galerie Das Bilderhaus

So reizt es Costa Bernstein, das schillernde und flüchtige Phänomen Glamour in seinen Malerei-Collagen und Objekten der letzten Jahre zu inszenieren und zu sezieren.

Er ist ein Storyteller. Das ist seine expressive Stärke.

Und er steht mit seinem bildkünstlerischen Anliegen nicht allein, sondern befindet sich in namhafter Gesellschaft.

Gab es doch im November 2004 im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee das Symposium "Aussehen, Auftreten, Abblitzen. Glamour als Arbeit und Wissen", zu dem der Berliner Kulturwissenschaftler und Publizist Tom Holert internationale Kollegen geladen hatte, im Anschluss an die von ihm und Heike Munder, der Direktorin am Migrosmuseum für Gegenwartskunst, kuratierte Ausstellung "The Future Has a Silver Lining. Genealogies of Glamour". Diese hatte unterschiedliche, auch alternative Geschichten der Beziehung von Kunst und Glamour präsentiert und die These aufgestellt, dass Glamour – als schillernde, strategische Kategorie ästhetischer Praxis – zwar allgegenwärtig sei, aber kaum entsprechend gewürdigt und analysiert worden sei.

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Glamour 3, Mischtechnik auf Leinwand, 2010, 100 x 80 cm; Nachweis: Galerie Das Bilderhaus

Die von Costa Bernstein in der Frankfurter Galerie das Bilderhaus päsentierten Kunstwerke zitieren und inszenieren zwar Glamour, kritisieren ihn aber weniger als Macht- oder Verkaufsstrategie, sondern ergötzen sich an den Exzessen dieses zentralen ästhetischen Paradigmas des Kapitalismus. So entstehen ironische Zerrbilder, deren überlängte, verdrehte und überdrehte Gestalten in Extase an die Heiligen der Altäre von El Greco erinnern.

Etwa in dem Bild "Musiker und die Musen", mit dem mit ganzem Körpereinsatz spielenden Pianisten vor seinen ihn vergötternden Fans, gemalt in pastöser Mischtechnik auf Leinwand.

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Musiker und die Musen, Mischtechnik auf Leinwand, 2009, 110 x 200 cm; Nachweis: Galerie Das Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Mit Humor und Distanz sucht Costa Bernstein auch nach seinen ethnischen Wurzeln und den geographischen Stationen seines Lebens. Denn nur wer seine Wurzeln kennt, kann auch zum Flug ansetzen.

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Reise nach Jerusalem, Mischtechnik auf Packpapier, 2009, 160 x 160 cm; Nachweis: Galerie Das Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Das geschieht in dem zentralen und wandfüllenden Werk der Ausstellung, der "Reise nach Jerusalem", das wie eine Riesenlandkarte auf gegerbter Pergamenthaut gemalt erscheint, obwohl es eigentlich Mischtechnik und Collage auf Packpapier ist.

Um einen weissen Flecken der Sehnsucht und Hoffnung, um Jerusalem, gruppieren sich in einem sogartigen Kreis vielgestaltige und individuelle Stühle, weiter abseits stehen wartend und verstreut an den Rändern der Diaspora unterschiedlich gestaltete Individuen.

"Nächstes Jahr in Jerusalem, so Gott will, und wir leben!"

Seit weit über 3.000 Jahren feiern die Juden Pessach, das Fest zur Erinnerung an den Auszug ihrer Vorfahren aus Ägypten. Weil es aber nicht für alle möglich ist, dieses Fest direkt in Jerusalem zu feiern, sprechen sie sich jedes Jahr beim Abschied zu Seder diesen Wunsch zu.

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Post, Mischtechnik auf Papier, 2007, 30 x 37 cm; Nachweis: Galerie Das Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Oder auf der "Post" vor dem Schalter, wo Ausreisewillige aus Sowjet-Russland ungeduldig auf das ersehnte Telegramm aus Israel oder der weiten Welt warten.

Neugierig verfolgt der Betrachter, wie der Künstler die Zumutungen der massenkulturellen Modelle von Schönheit und Überlegenheit künstlerisch reflektiert. Man fragt sich, welchen Einfluss die Inszenierungen von Filmstars und Popmusikern auf das Selbstverständnis des Künstlers haben.

Trotz beständiger, witziger, aber nie karikaturaler Beschwörungen des Glamourösen, beschäftigt Costa Bernstein aber auch die Verurteilung gewisser Begleiterscheinungen des Glamour. So sind es einerseits die zunehmende Vereinsamung des Individuums bei aller Emanzipation und der drohende, aber noble Verfall durch Alkoholismus.

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Glamour 2, Mischtechnik auf Leinwand, 2009, 100 x 80 cm; Nachweis: Galerie Das Bilderhaus

Und andererseits die erschreckende Sprachlosigkeit bei ausuferndem Smalltalk.

Schon in seinen früheren Werken hatte Costa Bernstein Spruchbänder eingesetzt., oft um die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Mann und Frau zu gestalten.

Als Spruchbänder bezeichnet man in der mittelalterlichen europäischen Kunst Texte in Form von flatternden Bändern, die das gesprochene oder auch das gesungene Wort darstellen sollen. Im Wappen finden sich auf Spruchbändern die Devise oder das Panier. Spruchbänder entsprechen den Sprechblasen in Comics. Sie werden auch als "Symbol des mündlichen Wortes" bezeichnet.

Der Turmbau zu Babel ist das Sinnbild der babylonischen Sprachverwirrung .

"Babel" ist ein hebräisches Wortspiel und bedeutet soviel wie "Geplapper, Gebrabbel" ,

In der Ästhetik der Postmoderne werden aus "Babel" Bubbles, oder leere Wortblasen – die schönsten, hohlsten, dümmsten, unverständlichsten Marketing-Claims.

Um sein bildkünstlerisches Anliegen der symbolischen Darstellung von Kommunikationsverlust umsetzen zu können, erweiterte Costa Bernstein sein technisches Repertoire durch Objekte aus Keramik und Styropor. So entstanden, durch die der Kleinplastik innewohnende Ironie, Tonköpfe mit roten, silbrigen oder orangefarbenen Bubbles im Mund, aus geschnitztem und bemaltem Styropor.

Mann und Frau verbindet eine grosse silbrige Blase als Inbegriff ihrer Sprachlosigkeit, denn Schweigen ist Silber ...

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Businessman, Keramik, Styropor, Sonnenbrille, Metalldraht, 2010, 40 x 60 cm; Nachweis: Galerie Das Bilderhaus; Foto: Franz Lennartz

Und der "Businessman" begrüsst Sie jovial beim Betreten der Frankfurter Galerie Das Bilderhaus, denn trotz Krise hat er, dem Kunsthype sei Dank, schon bei der Vernissage einen Anbeter und Sammler gefunden.

Darüber hinaus verfügt Costa Bernstein über ein prägnantes Zeichentalent und besitzt ein ganzes Reisearchiv an Papier-Souvenirs, deren Fragmente er als collage-artige Elemente in seinen pittoresken Bildern einsetzt. Darin verbindet er Fiktion, Narration und Figuration mit einem betont expressiven Duktus. Und der Betrachter verliert sich entzückt in einem dichten Gespinst von Storys.

Der 1973 in St. Petersburg geborene Frankfurter Künstler besuchte dort, bis 1992, die Kunstschule und das Architekturcollege. Nach seiner Emigration nach Israel, 1993, absolvierte er in Haifa 1997 die Kunstschule Irena Barilov. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Deutschland als freischaffender Künstler, Graphiker, Illustrator und Kulturpädagoge. Seine Kunstwerke reisten in Ausstellungen mit ihm um die Welt. Er ist der erste junge Frankfurter Künstler, den die Galerie Das Bilderhaus nach ihrer Wiedereröffnung ausstellt.